Music Business

Thinner und die Philosophie von Netlabels

17.12.08 Müssen Netlabels prinzipiell kostenlos sein?

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myoon: Thinner und die Philosophie von Netlabels

Nachdem Thinner, das erste und bekannteste Netlabels bekannt gab, dass es ab dem 104. Release neben den freien auch bezahlbare Downloads anbieten wird, ist eine erneute Diskussion über die Philosophie von Netlabels entstanden.

In dem ausführlichen Essay "Constraints to overcome towards the total netlabel" auf dem Thinner Blog Thinnerism wird gleich zum Anfang auf die Notwendigkeit des Bezahlsystems hingewiesen.

"In the authors opinion, quality netlabels maintained by a team will continue to die out if they won’t develop their model."

Ein erstes Problem für Thinner und ihrer bisherige Philosphie Musik frei zur Nutzung bereitzustellen tritt in Form des "Artist Development" auf.
Zwar galt das Netlabel für einige Acts wie Marko Fürstenberg, krill minima, Paul Keeley und Benfai als ideales Sprungbrett doch nachdem diese Acts durch ihre Releases bekannt wurden, wechselten sie zu Record Label.

"The consequence is that future recordings from the artist are at first-choice marketed to the recording labels, the Netlabel becomes second choice, if it stays an option at all. So the netlabel may be offered ‘best of the rest’ of the available music to consider for a new release. "

Thinner war dementsprechend nicht in der Lage, bekannte Artists an sich zu binden bzw. unbekannte Leute im ganzen Umfang aufzubauen.

Weitere Nachteile für Netlabels kommen in dem Essay auch zur Sprache.

Distribution: "The public perception of Netlabels is that it is a geek thing really, a very inherent scene made by specialists for specialists."(…)"The distance between journalism and Netlabels is apparent as ever, strongly derived from the ‘it can’t be good if it doesn’t cost anything’ image."

Medium: "Artists appreciate the possibility of having their works replicated on a medium with lasting culture, which is and will ever be the vinyl recording. Second choice is CD. Music just receives a different valence when it is distributed on physical records, which are haptic and not just a combination of binary data. This will never change."

Beim Betrachten all der stichhaltigen Argumente, erschließt sich mir Schritt für einige Tracks Geld zu verlangen als schlüssig.

"Given all these constraints challenging Netlabels, it is recommended to evaluate possibilities and develop solutions which minimize these gaps and at the same time build a structure which can keep the operations of the Netlabel up."

Anders dagegen argumentiert das Kraftfuttermischwerk. Hier versteht man unter Musik primär als kulturelles Gut und nicht als Ware.

"Vielleicht aber sehe ich da gerade auch einfach nur einen Dampfer untergehen, auf dessen Bug in großen Lettern steht: “Revolution”. Vielleicht aber ist das auch alles nicht so tragisch und Thinner wird besser denn je. Wer weiß das schon, kann das schon wissen? Mein persönliche Prognose allerdings ist eine andere."

Ich denke wenn Thinner Musik wie jedes andere Label nun auch als Ware anbietet, dann wird man noch mehr darauf achten in welcher Qualität man die Releases gestaltet. Denn man ist nicht mehr primar "das" Netlabel, sondern nun auch ein Label unter vielen. Und hier fängt man bei Null an und kann nur durch knackige Veröffentlichungen auf sich aufmerksam machen.

The last beat hat sich dazu auch Gedanken gemacht und diese ausführlich dargelegt.
Die Hauptfrage, die sich darum dreht, ob ein Netlabel perse kostenlos sein muss wird von Eikman verneint.

"Gerade im Zuge der zunehmenden Digitalisierung steigt das Interesse an “digitalen Tonträgern”, die auch für immer mehr etablierte Artists interessant werden (warum gibt es z.B. bei Beatport bei so vielen Releases digitale Bonustracks?). Die einzige Möglichkeit, die Künstler zu halten, die auch auch Vinyl-Labels veröffentlichen können, ist ihnen eben auch eine vergleichbare, sprich finanzielle, Basis zu geben."

Mein Fazit: Netlabels haben in den letzten Jahren vor allem in den elektronischen Spielarten dazu beigetragen, neue Gesichter hervorzubringen. Sicherlich gab es mit der Zeit aber auch eine unüberschaubare Anzahl von Netlabels und die Qualität der Releases sank während die Quantität stark anwuchs.

Den Schritt, den Thinner nun geht ist mutig und kann natürlich auch nach hinten losgehen. Doch sollte es klappen, könnte das Netlabel Artist aufbauen und über Jahre am musikalischen Output teilhaben. Die bereits erwähnte Wahrnehmung in den Medien könnte sich auch bessern.
Vielleicht schafft es Thinner, das es bei Artists nicht mehr als zweite Wahl angesehen wird und die elektronische Landschaft als ernstzunehmendes Label bereichert.

So schliesse ich mich den Worten von Eikman an:

"Freie Musik wird es weiterhin geben, auch auf Thinner. Letztendlich sollte sich jeder selbst Gedanken darüber machen, wie viel er für gute Musik bezahlen möchte, egal wo sie herkommt. Die Musik zu ignorieren, nur weil sie jetzt kostet, widerspricht meiner Meinung nach dem kompletten Prinzip."

Diskussion

Ein Kommentar für “Thinner und die Philosophie von Netlabels”
  1. ich finde diese diskussion irgendwie ein wenig komisch. es gibt ein paar tatsachen, die es zu beachten gilt:

    1. cd und vinyl sterben langsam aus und überleben in kleinen nischen, scheiden dadurch als musikmedium aus => zur zeit braucht man cd-veröffentlichungen und vinyl jedoch noch, um in den alten medien wie musikmagazinen besprochen zu werden. viele produzieren nur cds zu promozwecken und verdienen wirklich kaum etwas damit.

    2. mp3-verkäufe werden die alten einnahmen nicht kompensieren. das ist illusorisch, weil…

    3. …sämtliche alleinstellungsmerkmale der alten musikindustrie nicht mehr gelten.
    3.1. massendistribution von musik war früher wenigen vorbehalten, heute kann es jeder mit email, ftp, filehostern…
    3.2. die kopie einer digitalen musikdatei ist immer das original. warum soll ich für etwas als normaler konsument geld zahlen, dass nicht EINZIGARTIG ist. ich kann es selbst vertreiben.

    für mich bedeutet das: geld verdienen mit dem verkauf von musik an den “normalen” hörer gibt es nicht mehr lange – vielleicht nocht 10 jahre, aber der markt wird dünner vor allem für indies.

    musikdateien werden zunehmend zum promo-tool und thinner geht genau den schritt zurück, den es jahre nach vorne gegangen ist.

    das geld im musikbereich eines labels verdient man in zukunft wie früher auch über konzerte, merchandise und die lizensierung der musik an firmen, filme und ähnliches. und man verdient mit musik geld, indem man die fans für dinge zahlen lässt, die man sich nicht auf dem eigenen rechner herstellen/kopieren kann, sprich cds und mp3s.

    thinner wird vielleicht ein paar kröten verdienen, weil es eine marke über die jahre geworden ist, aber verdienen wird thinner mit musikverkäufen nicht wirklich viel.

    man sollte eher auf booking und parties blicken.

    so macht thinner genau das falsch, was es “unprofessionellen” netlabels vorwirft: sie bleiben zuhause im eigenen büro.

    als musiker und dj muss man raus, in den club auf das konzert, da gibt es das geld und da muss man sich was von in die tasche stecken.

    das glaube zumindest ich. vielleicht zum schluss noch eine analogie.

    ich selbst habe zwei bücher geschrieben und das was ich verdient habe ist ein witz! ehrlich. ich habe auf die bücher draufgelegt, weil ich jobs nicht machen konnte.

    mein lohn sind heute meine workshops, die ich gebe. ohne die veröffentlichung, wäre ich nicht heute da, wo ich bin. ich verdiene geld mit hilfe meiner “rockkonzerte”, wo ich auftrete als dozent.

    Von mo. | 18.12.08 16:27 Uhr

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