25.06.08 Marcel Weiss will sie nicht haben
von Jörn Goetze ⋅ kommentieren
In letzter Zeit wurde viel über die Kulturflatrate oder schöner gesagt, Musik aus dem Wasserhahn geschrieben und diskutiert. Ob sie nun kommt oder nicht, Kulturflatrate ist mal wieder so eine Begrifflichkeit, die durch ihr geistreiches Zusammenschustern von Kultur und Flatrat zu den Favoriten bei der Auswahl zum Wort (Unwort) des Jahren zählt.
Schweden wird ab Herbst mit einer solchen Flatrate an den Start gehen und ich denke andere Länder und vor allem die Musikindustrie werden genau analysieren, was daraus werden kann.
Macht eine Kulturflatrate aber überhaupt Sinn? Marcel Weiss von netzwertig.com meint: Nein. Er sieht in der Einführung das Ende der Netzneutralität und einen damit einhergehenden enormen gesellschaftlichen Wohlfahrtsverlust.
Laut Weiss wird die Musikindustrie in den nächsten fünf Jahren begreifen, "dass ihr einziges Heil in der Kulturflatrate besteht, und sie diese irgendwann massiv per Lobby forcieren wird."
Und wo Lobby draufsteht ist der Schrecken nicht weit. Deswegen ruft er die Nutzer dazu auf, gegen eine Kulturflatrate zu sein, "weil damit in letzter Instanz das gesamte Internet, so wie wir es kennen, auf dem Spiel steht."
Die als scheinbar optimale Lösung propagierte Kulturflatrate wäre für ihn ein Desaster auf allen Ebenen.
Das erstes Problem sieht Weiss in einer Zwangsabgabe für Alle. Auch Internetuser, die nicht am Musiktausch interessiert sind, werden zur Kasse gebeten.
Mit einer solchen staatlich genehmigten Steuer öffne man außerdem die Büchse der Pandora. Denn es wäre nur eine Frage der Zeit bis die komplette Unterhaltungsindustrie mit dem Klingelbeutel auftaucht.
Einen noch schwerer wiegendes Problem macht Weiss im Verteilungsschlüssel aus.
Da man nicht alle P2P Börsen überwachen könne, wird man beim "Bezahlvieh" und deren Providern ansetzen und deren kompletten Traffic scannen und analysieren.
Damit begräbt man die Netzneutralität und anstatt von Qualität und Grassroots würde es nur noch um Geld und Macht gehen.
Für Weiss würde ein solche Kulturflatrate"Für eine flache Kultur von morgen." stehen
Bauchschmerzen bereitet ihm außerdem, der bloße Gedanke an die GEMA, die eine solche Kulturflatrate organisieren würde.
Was bleibt also seiner Meinung nach dem Musiker um von seiner Musik leben zu können. Nicht jammern und die neuen Spielregeln befolgen. Also Liveauftritte, Liveauftritte und nochmals Liveauftritte - bis das Livegeschäft auch den Bach runtergeht und wiederum neue Spielregeln gelten. Der flexible Musiker als Chamäleon, der sich jeder Regel unterwerfen sollte. Ein unschönes, geistloses Bild.
Eine Frage hätte ich dann aber dennoch.
Wo findet denn nun der befürchtete enorme Wohlfahrtsverlust statt?
Das Argument der untergehenden Netzfreiheit, die wir lieben und schätzen kann ich noch nachvollziehen. Doch mit dem enormen gesellschaftlicher Wohlfahrtsverlust, hat Weiss ein düsteres Bild an die Wand gezeichnet ohne es weiter auszuführen. Ich kann in seinem Text keinen Wohlfahrtsverlust heraus lesen und eine Korrelation zwischen Kulturflatrate und Wohlfahrtsverlust erschließt sich mir auch nicht.
Was versteht Weiss unter Wohlfahrt? Warum soll eine Kulturflatrate die Deckung der Grundbedürfnisse sowie das Erreichen eines bestimmten Lebenstandarts verhindern.
Oder war diese Gerede letztendlich nur dafür da um zu provozieren und mit der Keule in eine Diskussion zu treten.
Auf jeden Fall ein interessanter und diskussionswürdiger post, der zur Zeit 61 Kommentare verbuchen kann, in denen die meisten nicht seine Meinung teilen.
In einem Punkt hat er jedoch Recht. Wenn eine Kulturflatrate nicht transparent gestaltet wird, das heißt ich auch weiß wie der Verteilungschlüssel aussieht, dann traue ich dem Unternehmen Kulturflatrate nicht.
In einem Desaster wird es letztendlich jedoch nicht enden.
Mal abwarten, was sich ab Herbst in Schweden tut. In Sachen Wohlfahrtsstaat sind sie ja sehr weit vorn.
“Ich kann in seinem Text keinen Wohlfahrtsverlust heraus lesen und eine Korrelation zwischen Kulturflatrate und Wohlfahrtsverlust erschließt sich mir auch nicht.”
Kulturflatrate setzt aus technischen Gründen eine Überwachung des Traffics beim Provider voraus. Die so gewonnenen Daten werden Begehrlichkeiten wecken, die auch jetzt schon gären. (In den USA wurde erst letztes Jahr die Netzneutralität im Senat fast gekippt.). Es gibt viele, die das wollen. Mit den Begleiterscheinungen der Kulturflatrate wäre der erste Schritt getan.
Ich schrieb:
“Ist die Netzneutralität erstmal weg, werden dafür zahlende Anbieter wie SpOn etc. schneller und zuverlässiger an den DSL-Kunden ausgeliefert, als etwa all die kleinen Internet-Tagebücher Blogs. Endlich ginge es nicht mehr um Qualität und Grassroots, sondern wieder um Geld und Macht.”
Das Ende der Innovation im Netz, wie wir sie seit einigen Jahren sehen.