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Das Vakuum der Musikindustrie
26.02.08 Heute: JUSTALOUD
von Chris ⋅ kommentieren
Die Musikindustrie und der Ruf nach Nischenangeboten
Normalerweise läuft der Hase ja so: Wenige Künstler werden von der Industrie gehyped und in die Läden und die legalen Portale gebracht. Diese wenigen werden dann daraufhin im Radio rauf und runter genudelt. Bis sie einem zu den Ohren wieder rauskommen. Das war ein lohnendes Geschäft. Früher wurden dann in diesen Fällen Platten en masse verkauft und die Industrie ist sehr fett gewesen.
So, jetzt kam erst Napster und co. Und es gab ziemlich lange Gesichter, das war eine schlimme Zeit. Die Musikindustrie ist nicht schnell genug auf den Zug gesprungen und hat den neu darbietenen Markt fasst verpasst. Das hat sich natürlich auch auf die Künstler ausgewirkt.
Während wir früher im kulturellen Bereich nicht so viel Auswahl hatten (es gab drei Programme in der Kiste, wenige lokale Radiosender, die großen Blockbuster im Kino) wächst die junge Generation mit einer immensen Auswahl an Beschäftigungen auf. Grade der Musikmarkt bietet eine riesige Palette an neuen Möglichkeiten – auch im “Amateurbereich”.
Es ist dabei sehr auffällig, dass fast alle meistverkauften Albem ever in den 70er und 80er Jahren produziert wurden. Siehe Michael Jackson. In den letzten Jahren hingegen kein einziges, und dass, weil die Auswahl größer geworden ist.
Neue Titel zu besorgen ist durch das Internet ein Kinderspiel geworden. Und das Internet bietet den Vorteil, dass die Ware nicht mehr auf begrenzten Regalflächen angeboten werden muss. Es gibt nunmehr eine schiere unbegrenzte Möglichkeit auch Waren zu präsentieren die keine großen Hits sind, aber dennoch das Potential haben eine Käuferschaft finden zu können.
Also verkaufen sich die großen Hits nicht mehr so wie früher, weil mehr Auswahl. Es entstand ein großes Vakuum auf dem Markt. Jetzt ging es um die Kunst mit den neuen Möglichkeiten auch Geld zu verdienen. Dieses Vakuum hat zuerst Steve Jobs von Apple erkannt und gefüllt. Und zwar mit dem iPod und iTunes. Hier die Story. Ich ziehe meinen Hut vor so eine bestechende Intuition.
LastFM hat es geschafft weil es Monstergut umgesetzt ist und jetzt springen Branchenriesen wie Amazon auf den Zug. Die Musikindustrie versucht jetzt interessanterweise die Kohle über die Veranstaltungen reinzuholen und lässt Zombis wie Led Zeppelin wieder auferstehen.
Von einem Major Label gefördert zu werden ist als junger Künstler nie einfach und bestimmt sogar schwerer geworden. Ein neues Talent wird erstmal mit einem Anfangsbudget gefördert. (Das ist in der Regel nicht so viel … eine Website, ein paar Fan-Seiten, halt bisserl Marketing in Funk und Fernsehen). Wenn die Masse anbeisst wird mehr investiert, ansonsten ab über die Klippe. Es ist einfach nicht das Budget da groß ins Blaue zu fördern. Das was noch sehr gut funktioniert ist wahrscheinlich das ganze Thema Volksmusik. Diese wird von einer Altersgruppe gehört die Tonträger noch kauft. Mit Klassik vielleicht auch, ist mal ein ganz eigenes Thema und eine Vertiefung wert.
Wie man sieht gibt es ein Vakuum das gefüllt werden will. Es gibt mit Sicherheit viele junge Talente die sich auch verkaufen lassen, aber eben nicht unbedingt als Hit. Und da kommen sicher einige spannende Projekte.
Heute stelle ich ein solches Projekt vor: Die deutsche Plattform JUSTALOUD
JUSTALOUD ist eine Social Shopping-Plattform für Musik die seit Herbst 2007 online ist. Clou der Geschichte ist, dass Bands ihre Stücke hochschieben und zum Verkauf anbieten können.
Das Preismodell
Die Songs werden Anfangs zu € 0,00 angeboten und werden stufenweise teurer, je nach dem wie oft der jeweilige Song verkauft wird. Dabei liegt der Spitzenpreis bei € 0,99, wenn der Titel 95 mal über die virtuelle Theke ging.
85% des Gewinns gehen an die Künstler. Die Gewinnverteilung kann man hier einsehen.
So mal schauen: Wenn mein Song einen Wert von € 0,99 erreicht, und meine Mucke bei der GEMA gelistet ist, dann werden mir nach meiner Rechnung € 0,60 ausgeschüttet. Am I right? Wenn man das hier liest, dann kann man sagen das ist fair. Für JUSTALOUD bleiben dabei € 0,10 hängen. Für € T10 Einnahmen müssen also geschlagende 100.000 Titel für € 0,99 verkauft werden. Das stellt die Gründer mit Sicherheit vor marketingtechnischen Herausforderungen.
Positiv finde ich den Ansatz, dass sich die Künstler einen kleinen Shop per API auf ihren Seiten einbinden können. Wenn das auch bei Myspace & Co funktioniert finde ich das super.
Leider kann ich jetzt für weitere Rückschlüsse bei den Songs nicht einsehen wie oft diese verkauft wurden. Für die Bands wird sich dies wahrscheinlich nicht wegen des Geldes lohnen, da ich mir nicht vorstellen kann, dass massive Downloads zustande kommen. Je mehr Mucke drauf kommt, desto geringer doch bestimmt die Wahrscheinlichkeit, dass mein Titel gekauft wird.
Die Plattform umfasst momentan (Stand 26.02.2008) insgesamt …
- 3260 Communitymitglieder
- 1900 Künstler
- 5920 Songs
Das bedeutet es sind …
- ca. 3,1 Songs pro Künstler angeboten
- und es haben sich nach meiner Recherche 1360 reine Käufer gefunden (um einen Song zu kaufen muss ich Communitymitglied sein)
Ich bin gespannt was da noch weiterhin passiert.
Einige Kritikpunkte an JUSTALOUD
Ich finde den Ansatz super, jungen Bands ein Forum zu geben. Aber es gibt da vielleicht einen Haken bei dem Modell JUSTALOUD. Feliks Eyser von JUSTALOUD spricht in einem Interview mit http://www.gruenderszene.de/?p=330 “Modelle von Übersee” an, die gut funktionieren. (Gemeint ist u.a. wahrscheinlich Amie Street.)
Dazu muss ich folgendes feststellen. In meiner aktiven Musikerzeit hatte ich einige Male das Vergnügen mit Musikern aus den Staaten zu spielen. Dort gibt es eine riesige Schwemme von wirklich erstklassigen Musikern, die praktisch auf der Strasse spielen.
Auch wenn ich mir jetzt Kritik einfange … Geh mal nach New York oder LA auf eine Session. Was da drüben quasi Ausschuss ist findet man hier eher selten. Es ist nicht unüblich, dass Musiker die in den Staaten keine Chance haben nach Europa kommen und hier ganz gut durch Unterricht etc. verdienen.
Dieser Faktor hebt natürlich Quantität und Qualität bei Amie Street. Hier einfach ein Copycat für den deutschen Markt zu machen, ob das klappt?. Ich wüsste zumindest nicht wie sich dies aus betriebswirtschaftlicher Sicht lohnen sollte.
Hier noch weitere Punkte:
- Die bekannten Bands tauchen nicht auf und locken mit ihren Angeboten – bei iTunes und co sind sie vertreten
- Um interessante Mucke zu finden muss ich mich mühsam durch das Portal klicken, LastFM lass ich im Hintergrund laufen und wenn mir was gefällt greif ich zu, wenn nicht klick ich weiter
- Das einzige Qualitätskriterium was mir vermittelt wird ist die Höhe des Preises von einem Song. – Ich jedenfalls klicke intuitiv nur die teuren Titel an. Das geht aber eigentlich gegen die Grundidee eben als “kleiner” auch gleichberechtigt dabei zu sein
Woher soll ich denn als Normalmensch wissen welche Musik mir gut gefällt, wenn ich sie nicht durch Zufall höre, oder sie mir durch ein intelligentes System nahegebracht wird? Das ist die Frage für mich. Ich würde mich sehr dafür interessieren wie das Userverhalten und -Profil auf der Plattform ist.
Um gute Mucke zu finden die zu mir passt, muss ich also Muse beweisen und aktiv suchen und mir dabei auch viel Zeugs anhören das mir vielleicht nicht gefällt. Viel intuitiver funktioniert da LastFM mit seinen smarten Algorythmen. Hier kann ich einen Künstler auswählen und mir Songs von Künstlern anhören die ähnlich klingen. Wenn´s gefällt kann ich kaufen.
Was ist der letzte Kick, der mich käuferseitig von JUSTALOUD überzeugen soll? Diesen Mehrwert habe ich noch nicht verstanden, aber vielleicht gehe ich zu sehr von mir und meinen Gewohnheiten aus und ich gehöre einfach nicht zur Zielgruppe.
Fazit
Der Hauptansatz lokale Musiker zu fördern ist großartig.
JUSTALOUD ist in seiner jetzigen Form ein Nischenprodukt von Nischenprodukten. Für den Sprung zu einem Marktführer für Nischenprodukte fehlt mir was.
Und die Zielgruppe wird noch weiter eingeschränkt durch das Maskottchen“Karachoo”, welches für die Vermarktung der Plattform eingesetzt wird und mich ein wenig an Hinkebein aus Pulp Fiction erinnert. Jungs, ihr müsst da was machen. Das geht so nicht.
Aber ich lasse mich gern belehren. Vielleicht habt ihr ein paar Zahlen für mich die mich richtig schocken ;-).



















Hi ich bin Chris von Justaloud. Vielen Dank für deinen Bericht über uns! Ich werde direkt auf deine Fragen eingehen:
Deine Rechnung für die Künstlerausschüttung stimmt soweit, allerdings muss ein GEMA Künstler wissen, dass die abgeführten GEMA Gebühren über Umwege wieder an ihn zurückfließen. Die GEMA ist also kein Kostenpunkt für den Künstler, sondern nur ein “Zwischenhändler”, denn der Künstler bekommt das Geld von der GEMA zurück. Die Auszahlungspraxis der GEMA ist uns aber leider nicht bekannt. Also kann man sagen 0.60 Cent + GEMA bei einem Verkauf bei 0.99 Cent. Das ist dann wirklich konkurrenzlos fair gegenüber den Künstlern.
Die marketingtechnischen Herausforderungen existieren tatsächlich. Allerdings haben wir sehr treue Kunden, die weit mehr Geld für freie und unabhängige Musik ausgeben, als das Mainstream-Konsumenten machen. Von daher haben wir einen großen Vorteil gegenüber den Mainstream-Anbietern.
Dass sich Justaloud für die Bands finanziell nicht lohnt ist aber nicht richtig. Vielmehr haben wir die Erfahrung gemacht, dass die Bands, die Online Marketing beherrschen und mit der Selbstdarstellung im Netz Erfahrung haben bereits nach ein paar Monaten Justaloud mehr Geld verdient haben, als sie das über alle anderen Shops überhaupt getan haben. Wir werden in Zukunft alles daran setzen, dass der Fan in unserem wachsenden Katalog genau das findet, was ihn interessiert, das ist der absolute Kernpunkt und wir sind dort auf einem guten Weg.
Die Zahlen sind auch nicht ganz richtig (liegt an unseren Filtern), genaueres kann ich aber momentan nicht sagen :)
Zuerst vielen Dank für deine Kritikpunkte, es ist gut, wenn auch mal ein Außenstehender die Sache neutral beobachtet. Hier kurz meine Antworten:
- Qualität der deutschen Musiker: Da kann ich dir nicht zustimmen. Wir haben über Justaloud viele gute Musiker selbst schon gefunden. Ich denke nicht, dass es einen so großen Qualitätsunterschied gibt, nicht zu letzt deswegen, weil es in Deutschland massenhaft gute Ausbildungseinrichtungen gibt, die den Leuten ihr Handwerk beibringen. Langfristig gesehen wird unser Angebot aber nicht national begrenzt sein. Wir haben auch schon einige europäische Bands an Board, Amerika ist auch geplant.
- Bekannte Bands: Justaloud soll kein Archiv für Musik sein, welches der Fan benutzt, um die Songs zu kaufen, die er schon kennt. Wir finden das langweilig :) Der Fan soll bei uns Dinge entdecken, die ihn faszinieren und die er aber so gut sortiert und aufbereitet nirgends sonst finden kann. Er soll Neues entdecken können, deshalb erübrigt es sich, die Major- Bands an Land zu holen.
- Musik entdecken: Dass wir, was das Entdecken betrifft, noch einiges zu tun haben, steht außer Frage. Aber wir haben noch viele gute Ideen, die alle darauf abzielen dem Fan möglichst unkompliziert, aber abgestimmte Vorschläge zu machen, oder ihn bei seiner Suche zu unterstützen.
- Qualitätskriterium: Es gibt die Möglichkeit, Songs zu bewerten, zu kommentieren und weiterzuempfehlen. Außerdem kann man sich über den Newsfeed an den Käufen seiner Justaloud-Freunde orientieren. Unser Ziel ist, dass das entscheidendste Qualitätskriterium die Community selbst wird (mittels eines bald erscheinenden neuen Empfehlungssystems). Hier wird es auch die meisten Neuerungen geben, die uns dann fit machen, um der Marktführer für Nischenprodukte aus dem Musikbereich zu werden!
Viele Grüße
Chris // Justaloud.com
Chapeau Chris!
So eine Qualität findet man in blogs selten. Habe ne Menge daraus gelernt und hoffe, Dir mal ähnliches anbieten zu können!
Viel Erfolg mit justaloud.
Frank Branca
@ Chris, vielen Dank für Deine umfangreiche Antwort. – Ich bin sehr gespannt mit welchen Ideen Ihr uns in nächster Zeit überrascht.
-> Kannst Du uns 3-5 Songempfehlungen von Euren Favoriten aus JUSTALOUD geben?
Ich wünsche Euch weiterhin viel Erfolg mit dem Projekt und hoffe Ihr schafft es über den deutschen Markt hinaus.
Klar sehr gerne. So jetzt machen wir mal Social Shopping für Musik: ich empfehle euch einfach die Artists (Songs sind da immer alle gut), die ich gerade auf meiner persönlichen Watchlist habe :)
http://justaloud.com/finestskillz/
http://justaloud.com/mbwteyp/
http://justaloud.com/thedetectives/
http://justaloud.com/zionrocketorchestra/
http://justaloud.com/lividhalcyon/
Viele Grüße
Chris